Hochkönig der Woche: Nr. 10 (Nuadu Airgetlám)

Nr. 10

Nuadu Airgetlám mac Echtach meic Etarláim m. Ordaim m. Allduí m. Thait m. Thabuirn; König der Tuatha Dé Danann; ob. AFM A.M. 3330.
LGÉ → § 310.

cat_hemprich_titel_1Der Eigenname Nuadu leitet sich möglicherweise von dem britisch-romanischen Götternamen Nodons ab (cf. Carey 1984). Der Beiname airget-lám ›Silberarm‹ hingegen ist ein Kompositum aus airget ›Silber‹ und lám ›Arm, Hand‹. Daß diese Interpretation vermutlich nicht die ursprüngliche Bedeutung ist, darauf weist Stefan Zimmer (2002) hin. Wie es zu diesem Beinamen gekommen sein soll, erzählen Cath Maige Tuired (hierzu etwas weiter unten) und Cóir anmann (§ 154): Nuadu wurde in der Ersten Schlacht von Mag Tuired von Sreng mac Sengainn der Arm abgeschlagen. Daraufhin hätten Nuadus Ärzte das verlorene Gliedmaß durch eine Prothese aus Silber ersetzt.
Die Tuatha Dé Danann sind die nächsten Eroberer Irlands. Ihr Name soll auf die drei Söhne des Tuirill Bicreo (oder alternativ auf die des Bres mac Elathan) zurückgehen, die als Gottheiten bezeichnet werden: Batar iat na trí déi Donand (Carey 1992: 28 § 12 Õ S. 207 & 213). Die Tuatha Dé Danann bringen insgesamt neun ríg Érenn hervor, die insgesamt 197 Jahre (GRSH: 14) oder 198 Jahre (→ S. 759: Str. 2) über Irland geherrscht haben sollen. Nur eine einzige Textstelle spricht von dreizehn Oberherrschern (→ S. 191 und 216).

Lebar gabála (Rez², Rez³) sowie eine kurze Erzählung in YBL (col. 907) und BB (pag. 266a33–b10) berichtet von den Pretiosen der Tuatha Dé Danann, welche diese nach Irland mitgebracht haben sollen. Die Angaben beider Versionen unterscheiden sich darin, welcher Gegenstand von welchem Magier stammt. Hier die Angaben nach der Version von YBL/BB:

Te x t  &  Ü b e r s . : Hull (1930a).

N u a d u (Nr. 10) besitzt ein Schwert des Magiers Esrus aus Gorias, das ihn unbesiegbar macht. Damit verwundet, kann keiner überleben.
L u g (Nr. 12) besitzt einen Speer des Magiers Uscias aus Findias, der seinen Träger in der Schlacht unbezwingbar macht.
D e r  D a g d a (Nr. 13) hat einen Kessel des Magiers Semiath aus Murias, der jede noch so große Versammlung mit Nahrung versorgen kann.

Zudem brachten die Tuatha Dé Danann den L i a F á i l von Mórfhessa aus Fáilias nach Irland mit. Es heißt, daß dieser magische Stein aufschrie, sobald ihn ein zukünftiger rí Érenn betrat. Er befand sich später in Temair. Von ihm leitet sich einer der poetischen Namen für Irland ab: Inis Fáil (cf. FFÉ I 206.52–65). In einer Sammlung irischer Mirabilia, Do ingantaib Érenn (›Von den Wundern Irlands‹), wird In Lia Fáil als eines der d r e i Wunder von Temair genannt (Todd 1848: 200–201), im späten Text Acallam na senórach ist er einer der z w e i Wunder von Temair (Acall. 7992–93). In mehreren frühen Erzählungen um irische Oberherrscher spielt der Stein eine Rolle (→ S. 238, 303, 327. Mehr zum Lia Fáil auf S. 145).

Laut Leabhar na nGenealach gelangte der Stein schließlich nach Schottland, wo er bis 829 verblieb. Danach sei er nach England transportiert und wurde in derWestminster Abbey aufgestellt worden, wo er erstmals wieder beim Krönungsritual von James VI. im Jahr 1603 gedient habe (GBIG § 420.3–5). Dies ist freilich nur eine von mehreren Legenden über den Verbleib des Lia Fáil.
Von weiteren magischen Gegenständen, welche die Eignung eines Kandidaten zum rí Érenn enthüllen, wird in De Shíl Chonaire Móir berichtet (hg. und übers. Gwynn 1912; cf. Carey 2005: 36 ff.). Sie haben jedoch keine vergleichbare Bedeutung in der Literatur erfahren.

Bei Céitinn, der dieselbe Geschichte erzählt (FFÉ I 204.39 ff.), variieren die Namen der Magier: Eurus, Arias, Semias und Morias. Von den genannten Gegenständen berichtet auch das Gedicht Tuath Dé Danann na sed soim (›Die Tuatha Dé Danann der reichen Schätze …‹) (LGÉ IV 248–51: Poem LXII).
Die Geschichte des Steins Lia Fáil findet sich auch in Baile in Scáil (→ S. 145), Lebar gabála (LGÉ §§ 309, 326) und gegen Ende von Acallam na senórach, wo dem Stein noch weitere magische Fähigkeiten zugeschrieben werden (SG I 233, SG II 264–65).

Nuadu hat vier Söhne: Tadg Mór (Er bekommt später Eithne, Tochter des Balor und Mutter des Lug mac Ethnend (Nr. 12), zur Frau, wodurch Lug über die Nachkommen dieser Verbindung zu manchen der späteren fianna-Helden in verwandschaftlicher Beziehung steht. So ist deren erstes Kind, Muirn, die zukünftige Mutter des Finn mac Cumaill.), Caither (< Cath-fher), Cucharn und Etarlám, den Dichter.
Dreißig Jahre nach Genann (Nr. 4) und Rudraige mac Dela (Nr. 2) sollen die Tuatha Dé Danann nach Irland gekommen sein (LL 1047–48). Die Fir Bolg hätten zu diesem Zeitpunkt eine Allianz mit den Fomoire gebildet (Zu den frühen theologischen Vorstellungen über die Fomoire gibt Rodway (2010) wichtige Hinweise) .

Zwei wichtige Schlachten werden den Tuatha Dé Danann zugeschrieben, beide sind mit dem Ortsnamen Mag Tuired verknüpft, der freilich zwei verschiedene Orte bezeichnet. Die Schlachten werden als die Erste und Zweite Schlacht von Mag Tuired unterschieden, Cét-cath Maige Tuired (LGÉ § 307) und Cath dédenach Maige Tuired (Wörtl. ›Die letzte Schlacht von Mag Tuired‹) (LGÉ § 312). Zuweilen wird die erste Schlacht auch nach dem Ort der Ereignisse benannt: Cath Maige Tuired Conga oder Cath Chunga (LGÉ IV S. 62.1654, Cóir anmann § 154, Fraser 1915–16: 58.5). Gemeint ist Conga (engl. Cong in Co. Mayo) in Connachta. Hierzu gehört auch die Benennung Cath Mhuighe Tuiredh Conga i Conmaicne Chuile Toladh Conacht in Rez 4M (Macalister/Mac Neill 1916: 148.7–8) und Cath mór Maige Tuired i Conmaicnib i Cuile Tolad in Rez². Die zweite Schlacht erscheint auch unter der Bezeichnung Cath Maige Tuired na Fomorach (›Die Schlacht von Mag Tuired der Fomoire‹). Gemeint ist hier Mag Tuired in Tír Ailella (LGÉ § 376). Zwischen beiden Schlachten liegen 27 Jahre (LGÉ § 312).
Die erste Schlacht von Mag Tuired richtete sich gegen die Fir Bolg und führte zur Machtübernahme durch die Tuatha Dé Danann. Außer verbreiteten Anspielungen und Episoden, die sich in Lebar gabála und im Dinnshenchas finden, ist nur eine fragmentarisch enthaltenen, jung anmutende Erzählung (nach dem 14. Jh.) erhalten.

Te x t : Ó Cuív (1950) [neuirische Version von A33].
Te x t  &  Ü b e r s . : Fraser (1915–16) [von H.2.17].

Die Ereignisse der Zweiten Schlacht von Mag Tuired werden in der Erzählung Cath Maige Tuired ocus genemain Bres mac Elathain ocus a ríge (›Die Schlacht von Mag Tuired und die Geburt von Bres, Sohn des Elathan, und seine Königsherrschaft‹) behandelt. Der erste Teil erzählt von Bres, seiner Herrschaft und seiner Absetzung als König: Bres erhält die Herrschaft in Vertretung von Nuadu, als dieser aufgrund seiner Versehrtheit (Verlust des Arms) sein Amt nicht mehr ausführen kann. Dian Cécht, König und Heiler der Tuatha Dé Danann, erschafft für Nuadu Airgetlám ›Silberarm‹ einen beweglichen Arm aus Silber. So kann Nuadu die Herrschaft wieder übernehmen. Dies berichtet auch die Réim rígraide (→ Z. 335 und 344 auf S. 591) sowie Cóir anmann (§ 154). Die Absetzung von Bres bildet den Anlaß zur Schlacht von Mag Tuired: Bres ruft die Fomoire zur Hilfe, um seine wieder an Nuadu verlorene Macht zurückzubekommen.
Cath Maige Tuired ocus genemain Bres liegt als mittelirische Bearbeitung eines ursprünglich altirischen Textes vielleicht aus dem 9. Jh. (so Murphy 1955: 195) vor. Der Text ist nur in Harl. 5280, einer Handschrift aus dem 16. Jh., überliefert. Anspielungen in Sanas Cormaic (→ S. 158), dessen Kompilation traditionell ins 9. Jh. gelegt wird, stützen eine frühe Datierung der Erzählung. Die ersten dreizehn Paragraphen von Cath Maige Tuired werden in Lebar gabála (Rez1) nacherzählt.

Te x t : Ó Cuív (1954) [17 Jh. Fragm. in H.4.25], Stokes (1891) — die in dieser Edition verbliebenen Lücken wurden von Thurneysen (1918c: 401–06) ergänzt —, Ó Cuív (1945) [jüngere Fassung], Gray
(1982).
Ü b e r s e t z u n g : Lehmacher (1931), Borsje (2012: 235–68) [verbesserte und modernisierte Übersetzung basierend auf Stokes (1891)].
S t u d i e n ( Au s w a h l ) : Murphy (1953–55), Murphy (1955: 19–24), Ó Cuív (1959), Gray (1980–81), Gray (1982–83),ÓCathasaigh (1983), Sayers (1987), Mc Cone (1989), Carey (1989–90), Borsje (2012).

Oidheadh Chloinne Tuireann (›Der gewaltsame Tod der Kinder des Tuirenn‹) ist eine romantische Erzählung, die auf Cath Maige Tuired aufbaut. Sie behandelt u. a. den Verlust von Nuadus Arms und dessen Ersatz durch Dian Cécht. Auch die Geschichte um Lug (Nr. 12) und die Söhne des Tuirenn (oder Tuirill → S. 210), die für den Tod von Lugs Vater verantwortlich sind, wird wiedererzählt, die mit dem Tod der Söhne des Tuirenn und dem von Tuirenn selbst endet. Der Text ist erst spät entstanden und nicht vor dem 18. Jh. belegt.

Te x t : Ua Ceallaigh (1927: 5–41).
Te x t  &  Ü b e r s . : O’Curry (1863: 158–227) [Nachdruck in Gaelic Journal 2, S. 33 ff.], O’Duffy (1888).
Ü b e r s e t z u n g : Cross/Slover (1937: 49–81), Guyonvarc’h (1964–65).
S t u d i e n : Macalister (1927), Gray (1989–90: 38–52).

Oidheadh Chloinne Tuireann ist auch als Teil einer Trilogie, nämlich Trí truaighe na scéalaidheachta (›Die drei Bedauernswerten der Erzählkunst‹) überliefert, zusammen mit Oidheadh Chloinne hUisneach und Oidheadh Chloinne Lir.
In einer genealogischen Notiz in H.3.17 (pag. 753) wird ein „Nuadu Airgetlám“ als Stammvater der Könige aus der nördlichen Hälfte Irlands (Leth Cuinn) und der Könige von Caisel genannt (übers. und besprochen in Mac Neill 1921: 52–55). Wer genau damit gemeint ist, ist unklar. Der prähistorische Lagin-König Nuadu Fullón (k121) trägt zwar ebenfalls den Beinamen Airgetlám, hat aber im mittelalterlichen Konstrukt der Genealogien über die Lagin hinaus keine größere Bedeutung. Plausibler ist eine Erwägung eines Gelehrten, enthalten in BB, daß es sich bei diesem Stammvater um → Irial Fáith (Nr. 28) handele. Tatsächlich wird Írial Fáith in mehreren Quellen (z.B. Cóir anmann § 79) der Name „Nuadu Airgetlám“ zugeschrieben, vermutlich als Versuch, die widersprüchlichen Quellen in Einklang zu bringen (→ S. 222).
Nuadu Airgetlám stirbt durch Balor Balc-béimnech ›mächtige Schläge austeilend‹, der auch ? den Beinamen Birug-derg ›mit dem durchbohrenden Auge‹ trägt, in der Zweiten Schlacht von Mag Tuired (§ 312, LL 5384; Str. 7 von Éitsid a eolchu cen on (›Hört, ihr Weisen ohne Sorge …‹) [LGÉ IV, 228]). Er liegt in Cruachu begraben (laut Aided Nath Í : LU S. 92 Anm. a, Str. 2b Õ S. 183).

H e r r s c h a f t s d a u e r: 7 Jahre bis zur Ersten Schlacht von Mag Tuired und nach Bres’ Absetzung weitere 20 Jahre (Laud-Synchr., GRSH usw.) oder 30 Jahre (FFÉ). Jedoch notieren nicht alle Quellen die erste Herrschaftsperiode, von der alle Lebar gabála-Rezensionen sagen, sie betreffe die Zeit v o r  er Ankunft der Tuatha Dé Danann in Irland. Diese darf daher auch nicht seiner Herrschaft als rí Érenn zugerechnet werden.

 (Gisbert Hemprich: Rí Érenn – »König von Irland« – Fiktion und Wirklichkeit, S. 204–206)

 

 

Advertisements
  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: